Warum Frauen sich zu oft Körperprobleme einreden

SZ Jetzt 09.04.2017

Und sich deshalb ihren Intimbereich operieren lassen.  Interview

Diesen Widerspruch hast du im Zuge deiner Forschung auch auf den Webseiten deutscher Ärzte beobachtet, die Schönheitsoperationen im Intimbereich anbieten.

Genau. Einerseits inszenieren sie sich sehr stark als Mediziner, die ihre Leistungen mit gesundheitlichen Vorteilen erklären, andererseits verkaufen sie ihre, nun ja, Produkte, nach allen Regeln der PR-Kunst. Sie geben Interviews in Lifestyle-Magazinen, veröffentlichen Pressemitteilungen, nutzen gezielt Social Media und Arztbewertungsportale. Wenn man sich nun den innermedizinischen Diskurs ansieht, merkt man schnell: Gegenüber anderen Ärzten haben sie es deswegen schwer, sich als Mediziner zu legitimieren. Sie gelten dort oft als Scharlatane. In der Hoffnung, aus dieser „Schmuddelecke“, wie sie es nennen, rauszukommen, begründen Intimchirurgen ihre Eingriffe nicht nur ästhetisch, sondern auch funktional, frei nach dem Motto: „Wir machen Sie nicht nur schön, sondern auch gesünder!“

 Was gleich so klingt, als sei jemand, der mit seinem Körper optisch nicht ganz zufrieden ist, nicht einfach nur nicht zufrieden, sondern krank.

Ja, es ist in der Tat pathologisierend. Denn es entsteht der Eindruck als wäre der weibliche Körper per se ein Problem und könne erst nach der chirurgischen Korrektur „normal“ funktionieren. Es heißt dann zum Beispiel, große Labien führten zu Hygieneproblemen und Infektionen, da leichter Bakterien in die Vulva eindringen oder die Labien beim Sex oder beim Fahrradfahren ständig gereizt würden und anfälliger seien für Verletzungen. Diese Probleme werden außerdem nicht als Ausnahme-Erscheinung beschrieben, sondern als alltäglich und allgegenwärtig: Es ist meist die Rede davon, dass eine große „Mehrheit der Frauen“ unter den eigenen Genitalien leide. Intimchirurgie wird dann fast als feministische Befreiung verkauft.

http://www.jetzt.de/intimchirurgie/intimchirurgie-interview-mit-einer-soziologin