Treffen mit dem Vergewaltiger

SZ Magazin  17. FEBRUAR 2017

Jeden Dienstag muss die Amerikanerin Noemi laut Gerichtsbeschluss dem Mann begegnen, der sie vor fünf Jahren vergewaltigt hat. Der Grund dafür ist kaum zu fassen.

… Zweieinhalb Stunden lang, so hat es das Gericht in Nebraska entschieden, darf Noemis Vergewaltiger mit seiner Tochter allein sein. Unbeaufsichtigt. Während dieser Zeit wird Noemi versuchen, sich abzulenken und Besorgungen zu erledigen, um nicht daran zu denken, dass sie ihre kleine Tochter gerade einem verurteilten Sexualverbrecher ausgeliefert hat. Wenn die Kleine älter ist, wird das Besuchsrecht jedes Jahr ausgedehnt, ab nächstem Jahr muss sie ihre Tochter sogar bei dem Mann übernachten lassen – ebenfalls unbeaufsichtigt….

mehr als die Hälfte der amerikanischen Bundesstaaten hat Gesetze, die es Vergewaltigern ermöglichen, ihre Vaterschaftsrechte auszuüben. … Bis zu 32.000 Frauen werden jedes Jahr in Amerika durch eine Vergewaltigung schwanger, die Hälfte bis ein Drittel der Frauen entscheiden sich, das Kind zu behalten. … Zu dem Trauma Vergewaltigung kommt nun das Trauma, mit dem Täter regelmäßig kommunizieren und ihm das gemeinsame Kind überlassen zu müssen. …

Tatsächlich werden in Amerika nur noch die wenigsten Täter in richtigen Gerichtsverfahren verurteilt.  97 Prozent lassen sich auf einen sogenannten »Plea Deal« ein, eine Verständigung. Sie stimmen einem abgeschwächten Vorwurf zu und bekommen im Gegenzug eine mildere Strafe. … Noemis Vergewaltigung erfüllt den Tatbestand der sexuellen Straftat ersten Grades, nämlich einer Vergewaltigung mit Schwangerschaftsfolge. Damit verliert ein Vergewaltiger auch in Nebraska automatisch die Vaterschaftsrechte. Die Tat an sich ist unbestritten: Der Täter hat gestanden. Aber durch den Plea Deal bekannte sich der Täter nur einer sexuellen Nötigung dritten Grades schuldig. Und damit darf er die Vaterschaftsrechte behalten. 

Als Noemi staatliche Hilfe für die Gesundheitsversorgung ihrer Tochter beantragte, musste sie auch den Namen des Vaters angeben. Der Staat wandte sich dann mit der Forderung nach Unterhaltszahlungen an ihn. Damit begann der zweite Teil von Noemis Albtraum. Fünf Monate nach der Geburt ihrer Tochter begann der Täter, regelmäßige Besuche seiner Tochter zu verlangen – und das Gericht gab ihm Recht. …

Noemi zeigt SMS-Botschaften ihres Vergewaltigers, die er ihr schickte, als sie schwanger war. Darin fordert er, sie solle das Kind abtreiben lassen oder sich die Treppe hinunterstürzen. Sie sagt, sie habe um ihr Leben gefürchtet. Aber auch das hielt das Gericht nicht davon ihm, ihm Umgangsrechte zu gewähren. …

In Nebraska und anderen Staaten wie etwa Maryland versuchen Opferorganisationen, Gesetzesänderungen durchzukämpfen. …

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