SZ 12.06.2015
In Mainz ist eine Kita geschlossen worden, in der es zu sexuellen Übergriffen zwischen Kindern gekommen sein soll. Der zuständige Prälat spricht von „Perversitäten sexueller Gewalt“ und zeigt sich fassungslos. Erst der Brief einer Mutter an die Pfarrei hat nach Angaben des Bistums zur Schließung der Einrichtung geführt.
http://www.sueddeutsche.de/panorama/schwere-vorwuerfe-sexuelle-uebergriffe-zwischen-kindern-in-mainzer-kita-1.2517597
SZ 12.06.2015
Experten-Interview mit Michael Huss, Leiter der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie an der Uniklinik Mainz, der Teil der Betreuung der Betroffenen ist.
Auszüge:
Sie sprechen von einem „Gruppenphänomen“, dem Bistum zufolge sind 53 der 55 Kinder in irgendeiner Form betroffen. Wie viele sind denn selbst sexuell gewalttätig geworden?
Das wissen wir noch nicht. Jedenfalls gab es offenbar Täter-Opfer-Wechsel. Also wenn ein Kind gedemütigt wurde, ist es auf die Täterseite gewechselt und hat Ähnliches an anderen Kindern auch verübt. Dieses wechselseitige Verhältnis hat möglicherweise den Strudel noch beschleunigt. Wir wissen aber nicht, wann und wie genau das angefangen hat: Vielleicht gab es sogar nur einen Täter, und um den haben sich allmählich Nachahmer geschart.
Wieso macht ein Kind zwischen drei und sechs Jahren so etwas?
Aus psychologischer Sicht können wir davon ausgehen, dass sich Kinder so etwas nicht von selbst ausdenken. Da gab es bestimmt entsprechende negative Einflüsse. Sei es, dass Kinder pornografisches Material gesehen und nachgeahmt haben. Oder sei es, dass sie selbst Opfer von sexuellem Missbrauch waren. Das ist ein klassischer Risikofaktor dafür, dass dass diese Kinder selbst auffällig werden oder sogar selbst zu Tätern oder immer wieder zu Opfern werden.
http://www.sueddeutsche.de/panorama/2.220/uebergriffe-unter-kindern-in-mainzer-kita-sadistische-gewalt-mit-sexueller-toenung-1.2519178
„Keine Kita ist vor sexuellen Übergriffen unter Kindern geschützt“
ZEIT 15.6.15
In einer Mainzer Kita sollen Kinder andere Kinder in außergewöhnlichem Ausmaß gequält haben. Das Phänomen sei keine Ausnahme, sagt die Präventionsexpertin Ulli Freund.
Auszug:
Ulli Freund: Die Wahrscheinlichkeit ist sehr groß. Sexuelle Übergriffe unter Kindern sind keinesfalls die Ausnahme. Dass einem Kind die Windel runtergezogen oder der Rock hochgehoben wird oder Kinder sich gegen den Willen eines Einzelnen in die Toilette drängen, um ihn beim Wasserlassen zu beobachten – diese Dinge geschehen permanent. Keine Kita ist davor geschützt. Hier fängt sexualisierte Gewalt unter Kindern an. Es ist allerdings falsch, in diesen Fällen von sexuellem Missbrauch zu sprechen. … Sexueller Missbrauch ist ein Begriff aus dem Strafrecht und reserviert für Fälle, in denen ein strukturelles Abhängigkeitsverhältnis vorhanden ist – etwa zwischen Erwachsenen und Kindern oder in einem Schutzbefohlenenverhältnis. Dass der Begriff benutzt wird, um sexualisierte Gewalt unter Kindern zu beschreiben, ärgert mich, weil es die Sache unnötig skandalisiert. … Unter Doktorspiele fällt all das, was Kinder freiwillig machen. Von einem Übergriff ist dann zu sprechen, wenn Kinder weitermachen, obwohl einer gar nicht mehr mitmachen will. Sobald sich ein Machtgefälle abbildet, ist man im Bereich der sexualisierten Gewalt. …
Das Risiko, Ort sexualisierter Gewalt zwischen Kindern zu werden, ist besonders groß, wenn Sexualität nicht angemessen thematisiert wird. Wenn Kinder das Gefühl haben, dass ihr Interesse am Körper, an den Geschlechtsteilen etwas Schlechtes ist. Die Kinder gehen diesem Interesse dann heimlich nach. Wenn dann etwas gegen ihren Willen geschieht, sind sie gehemmt, sich bei den Erzieherinnen und Erziehern zu beschweren, denn sie haben ja selbst mitgemacht bei dieser „verbotenen Sache“. Die Kita sollte sexuelles Interesse grundsätzlich erlauben, aber auch im Gespräch mit den Kindern thematisieren. … Die Themen aus der Präventionsarbeit zu sexuellem Missbrauch greifen auch in der Prävention sexualisierter Gewalt unter Kindern: Selbstbestimmung über den eigenen Körper, das Wissen, dass Zwang Unrecht ist. Sich auf sein Gefühl zu verlassen und die Sicherheit, dass man auch über schlechte Geheimnisse reden darf. Das sind die Botschaften, die die Kinder erlernen müssen – in der Kita aber natürlich auch im Elternhaus.
http://www.zeit.de/wissen/2015-06/gewalt-kita-mainz-missbrauch-ulli-freund
Juni 12 2015
Sexuelle Übergriffe zwischen Kindern in Mainzer Kita
SZ 12.06.2015
In Mainz ist eine Kita geschlossen worden, in der es zu sexuellen Übergriffen zwischen Kindern gekommen sein soll. Der zuständige Prälat spricht von „Perversitäten sexueller Gewalt“ und zeigt sich fassungslos. Erst der Brief einer Mutter an die Pfarrei hat nach Angaben des Bistums zur Schließung der Einrichtung geführt.
http://www.sueddeutsche.de/panorama/schwere-vorwuerfe-sexuelle-uebergriffe-zwischen-kindern-in-mainzer-kita-1.2517597
SZ 12.06.2015
Experten-Interview mit Michael Huss, Leiter der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie an der Uniklinik Mainz, der Teil der Betreuung der Betroffenen ist.
Auszüge:
Sie sprechen von einem „Gruppenphänomen“, dem Bistum zufolge sind 53 der 55 Kinder in irgendeiner Form betroffen. Wie viele sind denn selbst sexuell gewalttätig geworden?
Das wissen wir noch nicht. Jedenfalls gab es offenbar Täter-Opfer-Wechsel. Also wenn ein Kind gedemütigt wurde, ist es auf die Täterseite gewechselt und hat Ähnliches an anderen Kindern auch verübt. Dieses wechselseitige Verhältnis hat möglicherweise den Strudel noch beschleunigt. Wir wissen aber nicht, wann und wie genau das angefangen hat: Vielleicht gab es sogar nur einen Täter, und um den haben sich allmählich Nachahmer geschart.
Wieso macht ein Kind zwischen drei und sechs Jahren so etwas?
Aus psychologischer Sicht können wir davon ausgehen, dass sich Kinder so etwas nicht von selbst ausdenken. Da gab es bestimmt entsprechende negative Einflüsse. Sei es, dass Kinder pornografisches Material gesehen und nachgeahmt haben. Oder sei es, dass sie selbst Opfer von sexuellem Missbrauch waren. Das ist ein klassischer Risikofaktor dafür, dass dass diese Kinder selbst auffällig werden oder sogar selbst zu Tätern oder immer wieder zu Opfern werden.
http://www.sueddeutsche.de/panorama/2.220/uebergriffe-unter-kindern-in-mainzer-kita-sadistische-gewalt-mit-sexueller-toenung-1.2519178
„Keine Kita ist vor sexuellen Übergriffen unter Kindern geschützt“
ZEIT 15.6.15
In einer Mainzer Kita sollen Kinder andere Kinder in außergewöhnlichem Ausmaß gequält haben. Das Phänomen sei keine Ausnahme, sagt die Präventionsexpertin Ulli Freund.
Auszug:
Ulli Freund: Die Wahrscheinlichkeit ist sehr groß. Sexuelle Übergriffe unter Kindern sind keinesfalls die Ausnahme. Dass einem Kind die Windel runtergezogen oder der Rock hochgehoben wird oder Kinder sich gegen den Willen eines Einzelnen in die Toilette drängen, um ihn beim Wasserlassen zu beobachten – diese Dinge geschehen permanent. Keine Kita ist davor geschützt. Hier fängt sexualisierte Gewalt unter Kindern an. Es ist allerdings falsch, in diesen Fällen von sexuellem Missbrauch zu sprechen. … Sexueller Missbrauch ist ein Begriff aus dem Strafrecht und reserviert für Fälle, in denen ein strukturelles Abhängigkeitsverhältnis vorhanden ist – etwa zwischen Erwachsenen und Kindern oder in einem Schutzbefohlenenverhältnis. Dass der Begriff benutzt wird, um sexualisierte Gewalt unter Kindern zu beschreiben, ärgert mich, weil es die Sache unnötig skandalisiert. … Unter Doktorspiele fällt all das, was Kinder freiwillig machen. Von einem Übergriff ist dann zu sprechen, wenn Kinder weitermachen, obwohl einer gar nicht mehr mitmachen will. Sobald sich ein Machtgefälle abbildet, ist man im Bereich der sexualisierten Gewalt. …
Das Risiko, Ort sexualisierter Gewalt zwischen Kindern zu werden, ist besonders groß, wenn Sexualität nicht angemessen thematisiert wird. Wenn Kinder das Gefühl haben, dass ihr Interesse am Körper, an den Geschlechtsteilen etwas Schlechtes ist. Die Kinder gehen diesem Interesse dann heimlich nach. Wenn dann etwas gegen ihren Willen geschieht, sind sie gehemmt, sich bei den Erzieherinnen und Erziehern zu beschweren, denn sie haben ja selbst mitgemacht bei dieser „verbotenen Sache“. Die Kita sollte sexuelles Interesse grundsätzlich erlauben, aber auch im Gespräch mit den Kindern thematisieren. … Die Themen aus der Präventionsarbeit zu sexuellem Missbrauch greifen auch in der Prävention sexualisierter Gewalt unter Kindern: Selbstbestimmung über den eigenen Körper, das Wissen, dass Zwang Unrecht ist. Sich auf sein Gefühl zu verlassen und die Sicherheit, dass man auch über schlechte Geheimnisse reden darf. Das sind die Botschaften, die die Kinder erlernen müssen – in der Kita aber natürlich auch im Elternhaus.
http://www.zeit.de/wissen/2015-06/gewalt-kita-mainz-missbrauch-ulli-freund
By Robert Mosell • Nachrichten aus der Presse •